Dürer-Vorträge Nürnberg

Eine kurze inhaltliche Zusammenfassung der Vorträge.

Vorträge 2011

Sebastian Brant: Narrenschiff
 

Montag, 10. Oktober 2011, 14.45 Uhr

Marina Münkler

"Die gantz welt lebt in vinstrer nacht". Närrische Finsternis in Sebastian Brants "Narrenschiff" und die erhellende Funktion von Albrecht Dürers Holzschnitten

Sebastian Brants "Narrenschiff" hat auf den ersten Blick wenig obrigkeits- oder kirchenkritisches Potential, sondern scheint im Gegenteil Obrigkeit und Kirche zu affirmieren und ihre ordnungsstiftende Funktion in den Mittelpunkt zu stellen. Die Verfehlungen liegen eher bei den einzelnen als bei den Institutionen. Andererseits beklagt Brant den Niedergang von Institutionen wie Ehe und Familie und betont, dass die ganze Welt in "vinstrer nacht" lebe, was letztlich die ordnungsstiftende Macht von Obrigkeit und Kirche zumindest in Frage stellt. Dürers Holzschnitte dienen einerseits dazu, diese "vinstre nacht" zu erhellen, andererseits stellt sich die Frage, ob hier nicht eine subversive Sicht vorherrscht, denn im Bild ist nicht erkennbar, was der Text als paränetisch-didaktische Anforderung zu vermitteln versucht. Es soll daher untersucht werden, in welcher Weise sich Text und Bild ergänzen, wo sich Widersprüche zwischen den beiden Medien auftun, welche Viel- und Mehrdeutigkeiten sich aus dem Zusammenhang von Text und Bild ergeben.

Albrecht Dürer: Männerbad
 

Montag, 10. Oktober 2011, 15.30 Uhr

Jan-David Mentzel

Körper und Welt. Dürers "Männerbad" von 1496

Das Referat möchte die bisherigen Interpretationsansätze von Dürers früher Genredarstellung skizzieren, um den Holzschnitt in Bezug auf das Bildthema insgesamt neu zu befragen. Dabei sollen zum einen noch einmal 5-Sinne-Darstellungen in den Fokus rücken, zum anderen soll das Problem des männlichen Aktes analysiert werden, dass hier als Gegenentwurf zu italienischen Vorbildern verstanden werden kann.

 

Montag, 10. Oktober 2011, 16.45 Uhr

Birgit Ulrike Münch

Before Beham: Subversive und offene Kritik in Bildern und Texten Thomas Murners

Untersuchungsgegenstand ist das vielschichtige, reich illustrierte und bislang nur punktuell erarbeitete Œuvre des promovierten Juristen, Theologen und Franziskaners Thomas Murner. Die Werke entstanden unmittelbar vor bzw. nach dem Beginn der Reformation und eignen sich daher ideal zur Beantwortung der Frage nach ihrem Verhältnis zu subversiver und offener Kirchenkritik.

Murner war der erste, der mit dem "Lutherischen Narren" von 1522 die auf protestantischer Seite entwickelte Bildpolemik umkehrte und nun im Bild gegen den Reformator wandte. Zu untersuchen ist, in welchem Verhältnis die konfessionell getrennten Argumentationsstrategien zueinander stehen, inwieweit von subversiver Kritik an Kirche und Gesellschaft in den Schriften gesprochen werden kann und welche Rezeption Murners illustrierte Werke erfuhren.

 

Montag, 10. Oktober 2011, 18.00 Uhr

Jürgen Müller

Abendvortrag

Dienstag, 11. Oktober 2011, 09.00 Uhr

Mailena Mallach

Dürers Leuchterweibchen als Reflektionsbild

Dürers Meermädchen hat den Ehrgeiz der Interpreten häufig hinsichtlich seiner gattungsspezifischen und formalen Zuordnung herausgefordert. Unlängst wurde auch die Ikonographie von Leuchterweibchen genauer untersucht. Es blieb jedoch zumeist unerkannt, dass es sich bei der Zeichnung Dürers weniger um einen kuriosen Entwurf handelt, als um ein Schaublatt. Dieses nutzte Dürer für eine kunsttheoretische Reflektion und widmete es nicht nur konkret seinem Freund Willibald Pirckheimer. Das Referat möchte den vielen Anspielungen auf den Humanisten nachgehen und eine neue Deutung vorschlagen, die Intellektualität und Witz Dürers gleichermaßen berücksichtigt.

Dienstag, 11. Oktober 2011, 09.45 Uhr

Jürgen Müller

Urs Graf und die Logik der Inversion

Seit einigen Jahren hat die kunsthistorische Forschung auf das Phänomen ikonographischer Inversionen verwiesen. Dabei waren es vor allem niederländische Künstler, die im Zentrum des Interesses standen. Werke der Bamboccianti, Rembrandts und Bruegels wurden genauer in Bezug auf ihre antiitalienische Haltung untersucht. Im Rahmen der Beham-Ausstellung wurde deutlich, dass solche Verfahren in die Kunst der Reformationszeit zurückweisen und dass Dürer hier maßgeblichen Einfluss hatte. Dass Referat will zeigen, wie sehr auch Graf sich nahezu zeitgleich mit den antiklassischen Verfahren der Inversion auseinandersetzte.

 

Dienstag, 11. Oktober 2011, 10.30 Uhr

Thomas Schauerte

Sinnlose Bilder?
Dürer und die Tradition der Groteske

Vergleichsweise spät tauchen in Dürers graphischem Werk Gestaltungselemente der klassischen Groteske auf, die in den Randzeichnungen zum Gebetbuch Kaiser Maximilians I. von 1515 zu weiterer Entfaltung gelangen. Überraschenderweise verläuft aber der Weg der Überlieferung offenbar weniger über Dürers Italien-Erfahrungen, sondern über die zahlreichen Umsetzungen in der älteren deutschen Druckgraphik seit Beginn des 16. Jahrhunderts. Mit ihrem Aufkommen stellt sich zugleich die Frage nach dem Sinngehalt von Bildern in vieler Hinsicht ganz neu.

 

Dienstag, 11. Oktober 2011, 11.45 Uhr

Mitchell B. Merback

". . . pis im Got geben well . . .": Beham-Brother Devotional Imagery, 1518-1520

Both past scholarship and the newly expanded discourse on Sebald and Barthel Beham's graphics have paid little attention to a group of small devotional engravings that date from the earliest years of the brothers' documented activities in Nuremberg. This was a professional coming-of-age period for the two artists that coincided with the three turbulent years preceding the Diet of Worms, a time of rapid confessional realignments, divided loyalties, and mixed results in the city's progress toward reform. By probing the visual strategies and sources -- not only artistic but theological and mystical -- for this group of debut religious images, this paper reveals the ways in which their form and content anticipated the unorthodox positions on religious issues the two brothers espoused during the so-called Gottlosenprozeß of 1525. Are Sebald's visionary depictions of Christ as the Man of Sorrows from 1519, or Barthel's miniature hero-portraits of the giant Saint Christopher of 1520, already a species of "subversive" image?

 

Dienstag, 11. Oktober 2011, 15.45 Uhr

Sabine Peinelt

Das vogelfreie Bildnis - Konnte die Druckgrafik eine neue Form der Kritik ermöglichen?

Die massenhafte Verbreitung druckgrafischer Porträts verankerte die durch sie vermittelten Physiognomien im kollektiven Bildgedächtnis. Diente das Porträt anfangs vor allem der memoria und der Selbstdarstellung des darauf Abgebildeten, wurde es nun in einem neuen Sinne verfügbar - vielleicht gar vogelfrei, wie Luther, der einerseits meist-porträtiert, andererseits mit der Reichsacht belegt war. In Bezug auf Sebald Behams großes Kirchweihfest haben mehrere Kunsthistoriker festgestellt, dass in einer zentralen Szene ein Porträt von Luther wiedergegeben wurde, das dem Betrachter erlaubt, den politischen Gehalt des scheinbar "harmlosen" Festes zu aktualisieren. Das Referat möchte anhand weniger weiterer Beispiele aus der Druckgrafik der Reformationszeit der Frage nachgehen, inwieweit sich die Künstler die neue physische Bekanntheit der vormals in Spottblättern eindeutig bezeichneten "Opfer", zunutze machten. Unterlegten sie ihre Arbeiten mit einer zweiten kritischen oder satirischen Ebene, die sich erst mit der Erkenntnis der dargestellten Personen erschloss?

 

Dienstag, 11. Oktober 2011, 16.30 Uhr

Martin Przybilski

"Bändigung der Subversion? Die Gattung Fastnachtspiel, Hans Sachs und Sebald Beham"

In dem Referat soll die bis heute gültige opinio communis, die nachreformatorischen Fastnachtspiele des Hans Sachs seien in ihren obszönen, skatologischen und gesellschaftskritischen Positionen wesentlich zahmer als die vorreformatorischen Vertreter der Gattung, hinterfragt und in einen komparatistischen Diskurs zu den Werken Sebald Behams gebracht werden.

Mittwoch, 12. Oktober 2011, 09.00 Uhr

Katrin Dyballa

Subversive Bilder bei Georg Pencz?

Der junge Georg Pencz wurde im Jahr 1525 zusammen mit den Brüdern Sebald und Barthel Beham im Rahmen des Gottlosenprozesses verurteilt, woraufhin die Maler Nürnberg verlassen mussten. Dennoch konnte er wie auch die Beham-Brüder im gleichen Jahr in die Reichsstadt zurückkehren. Im Unterschied zu seinen Malerkollegen geriet Pencz jedoch nicht wieder in Konflikt mit den Ratsherren. Ganz im Gegenteil: Es gelang ihm zum führenden Maler Nürnbergs aufzusteigen und er stand sogar seit 1532 mit der Nürnberger Obrigkeit unter Vertrag, ihr "mit seine[r] kunst zum Reissen, malen, Visir zu machen unnd allem anndern was in [s]einem verstanndt ist und sein wurdt" zu dienen. Auch aus diesem Grund darf angenommen werden, dass er seine freigeistige Überzeugung ablegte und nicht weiter auslebte. Inwieweit sein graphisches Schaffen von einer doppelten Lesbarkeit, die Kritik an politischen und religiösen Verhältnissen zulässt, geprägt ist, soll anhand ausgewählter Beispiele untersucht werden.

Mittwoch, 12. Oktober 2011, 09.45 Uhr

Jeffrey Chipps Smith

Peter Flötner's Theatre of the World

Peter Flötner is best known as a sculptor and designer, including his authoring much of the decorative program of the Hirsvogelsaal. Yet like the Kleinmeisters and Erhard Schön, he created numerous woodcuts during the 1520s-40s that wittily comment on contemporary culture. This talk will examine his pictorial language, including his use of bodily humor and caricature, to critique human nature, sexual relationships, and religious polemics.

Mittwoch, 12. Oktober 2011, 11.15 Uhr

Wolf Seiter

Geschick und Schicklichkeit - Über Wandel und Widerspiel topischer Projektionen auf das Leben und Werk Sebald Behams in der Biographiehistorie seit Sandrarts Academie (1675) bis um 1900

Die in Joachim von Sandrarts Academie überlieferten Mitteilungen über das Leben der Künstler fußten bekanntlich viel zu oft auf ungesicherten Legenden. So auch im Falle Sebald Behams. Der Beitrag von Wolf Seiter zeichnet die historischen Etappen der Entwicklung vom tradierten Mythos moralischer Unverträglichkeit hin zur wissenschaftlich belegten theologischen Devianz Behams nach. Hauptaugenmerk soll dabei dem Gedeihen einer besonderen Ambivalenz gelten, die bei Sandrart ihren Grundstein hat und gut ein Jahrhundert später ihren sensationistischen Höhepunkt erfährt: Beham, der vortrefflich talentierte Künstler aber auch überaus 'liederliche' Mensch.